Rücksicht und Toleranz
Da war doch mal was …
Die Welt, in der wir leben, ist im Großen wie im Kleinen bis ins Detail geregelt: Gesetze, Bestimmungen und Vorschriften begleiten uns buchstäblich „von der Wiege bis zur Bahre“. Andererseits aber beklagen wir uns lautstark über eine zunehmende Rücksichtslosigkeit, mangelnde Höflichkeit, fehlende Tüchtigkeit und Pünktlichkeit. Unterm Strich kann das nur bedeuten, dass wir die Freiräume, die uns – noch nicht fremdbestimmt – geblieben sind, nicht zu unserer Zufriedenheit nutzen. Wie sind diese Gegensätze miteinander zu vereinbaren? Oder handelt es sich etwa bei dem einen um einen Reflex auf den anderen?
Überflutung
Mit nicht weniger als 2.385 Paragrafen versucht das Bürgerliche Gesetzbuch unseren privaten Alltag zu regeln. Dabei handelt es sich um überaus komplizierte Texte und Formulierungen, angefüllt mit Wortungetümen wie „Geldsortenschwund“, „Vorausvermächtnis“, „Insichgeschäft“ oder „Anteilsunwürdigkeit“. Worte, bei denen selbst mein Computer streikt. Uns Laien bleibt rätselhaft, ob es sich hier um Situationen, Vorgänge oder Verhältnisse handelt, die mit uns Menschen in irgendeiner Form zu tun haben oder nicht. Es ist absurd, dass wir einen Experten, genannt Rechtsanwalt, benötigen, der uns erklärt, dass wir etwas Ungesetzliches getan haben.
Im Strafgesetzbuch stehen 358 Paragrafen, unter anderem mit dem ebenso überraschenden wie wertvollen Hinweis, dass Diebstahl verboten ist. Insgesamt kämpfen wir uns in Deutschland durch 1.727 Strafgesetze auf Bundesebene mit 45.785 Einzelnormen von Artikeln und Anlagen. Dazu kommen jede Menge Auslegungen durch Gerichtsurteile, jedes Jahr mehr und mehr. Für jede nur vorstellbare Gelegenheit gibt es Gesetze – und das hört nie auf.
Um auf Nummer sicher zu gehen, schließen wir Versicherungen ab, die sich wiederum bei der nächsten Versicherung rückversichern. Und falls das alles immer noch nicht reicht – her mit Schiedspersonen, Mediatoren und was sonst noch allem!
Ego im Alltag
Manches, wenn nicht gar vieles von diesem Gesetzeswust sollte völlig unnötig sein – wenn wir uns nur an unsere menschlichen Grundregeln erinnern würden. Wo bleiben unsere alltäglichen Verhaltensweisen, die seit Urzeiten das menschliche Miteinander bestimmt haben – und das nicht, weil eine Institution tätig wurde, sondern weil es unserer Natur entspricht?
Ich würde sie Dank, Mitleid, Rücksicht, Entschuldigung und Hilfe nennen. In der Antike wurden sie als Kardinalstugenden bezeichnet. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Das ist die hohe Schule verantwortungsvollen Denkens und Handelns.
„Ganz schön blauäugig“, sagen Sie, und ich antworte: „Ja, vielleicht“. Natürlich leben wir nicht in einer idealen Welt. Verstöße gegen gesellschaftliche Regeln müssen geahndet werden. Das fing schon mit dem Apfelklau im Paradies an. Nachdenklich stimmt einen nur die zunehmende Verrohung im alltäglichen Leben, in Bereichen, die der lange Arm des Gesetzes nicht erreicht. Toleranz und Rücksichtnahme scheinen völlig aus der Mode gekommen zu sein. Einige wenige Beispiele:
Ordnungsgemäße Entsorgung von Hausmüll: zu viel Arbeit. Nutzung von Abfallbehältern: zu lästig. Weiße Hauswände: eine Herausforderung für Graffiti-Dilettanten. Lärmbelästigung: geht mich nichts an. Vordrängen: ist mein gutes Recht. Hinten anstellen: nicht mit mir. Rücksicht auf Behinderte oder alte Leute nehmen: wozu? Nicht mein Bier.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Zuvorkommenheit wird zum Fremdwort, Egoismus pervertiert zur Egozentrik.
Bekanntlich lässt sich die Zeit nicht zurückdrehen, und Jammern hilft sowieso nicht. Aber resignieren? Bitte nicht! Je mehr uns Gesetze und Vorschriften einengen, desto mehr müssen wir mit instinktivem Widerstand reagieren, um unsere persönlichen Freiräume zu bewahren.
Da wir aber nicht allein existieren können, brauchen wir Mitmenschen, die ebenso reagieren. Eine positive Rolle in seinem Umfeld, seiner Gemeinschaft zu spielen, verschafft Genugtuung und ein gutes Gefühl. Lassen Sie sich das nicht nehmen!
Wer sich über die zunehmende Vereinsamung in unserer Gesellschaft beklagt, sollte als Erstes seine eigenen egoistischen Positionen und Verhaltensweisen überprüfen und gegebenenfalls ändern. Dann wird es schon, versprochen!



Ausgabe 15 (3900kB)